Subido por depalosan

Subkultur und Cultural Studies. Ein kul

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in: Alexa Geisthövel/Bodo Mrozek (Hg.): Popgeschichte. Bd 1: Konzepte und Methoden, Bielefeld: Transcript 2014.
Subkultur und Cultural Studies
Ein kulturwissenschaftlicher Begriff
in zeithistorischer Perspektive
B ODO M ROZEK
Sụb|kul|tur <lat.> bes. Kulturgruppierung
innerhalb eines übergeordneten Kulturbereichs
(DUDEN, 17. NEU BEARB. U. ERW. AUFLAGE, MANNHEIM U.A. 1973)
In seiner 17. Auflage verzeichnete 1973 das im Duden-Verlag erscheinende
Wörterbuch Die Rechtschreibung zwischen den Lemmata »Subkontinent«
und »subkutan« erstmals ein neues Wort: »Subkultur«. Schon 1966 war es
ins Fremdwörterbuch desselben Verlages eingetragen worden, doch markiert die Aufnahme des Neologismus in den weit verbreiteten »gelben Duden« seinen Eingang in den Kanon der gehobenen deutschen Allgemeinsprache. Tatsächlich ist das Wort mittlerweile so selbstverständlich in die
Alltagssprachen eingegangen, dass man seinen Ursprung als soziologischer
Fachbegriff darüber fast vergessen könnte.1 Zu seiner internationalen Ver1
Das Oxford English Dictionary nahm das Wort 1986 in seine gebräuchliche
Ausgabe auf, nachdem es bereits 1973 im Zusatz zum Short Dictionary und
1976 in der 6. Auflage des Concise Dictionary erschienen war sowie 1980 in der
ersten Ausgabe des Oxford American Dictionary. In den Korpora der Académie
Française taucht das Wort erstmals 1966 auf; im Wörterbuch Le Grand Robert
bezeichnet es eine »Culture propre à un sous ensemble d'un groupe«.
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breitung haben maßgeblich die Cultural Studies britischer Prägung beigetragen. Die kulturwissenschaftliche Disziplin hatte einen prägenden Einfluss nicht nur auf die akademische, sondern auch auf die massenmediale
Sicht auf die Popkultur des 20. Jahrhunderts. Wenn sie die Historiographie
auch weniger stark beeinflusste, so prägen ihre Modellbildungen doch bis
heute nachhaltig die Lesart von Pop als Differenzbegriff zwischen herrschender Eliten- und marginalisierter Massenkultur – als einer Sphäre politisch aufgeladener Symbolik, deren Analyse Auskunft über unterbewusste
Prozesse des Wertewandels und der Gruppenbildung verspricht.
Der institutionelle Ausbau der Kulturwissenschaften als akademische
Disziplin erfolgte parallel zur »kulturalistischen« Wende der Geschichtswissenschaften um die Jahrtausendwende.2 Wenn die Kulturwissenschaften
Anfang des 21. Jahrhunderts auch im Begriff stehen, sich von den politischen Paradigmen der frühen Jahre zu entfernen und derzeit eine materialistische Wende vollziehen3, so sind die Cultural Studies doch gerade in der
Pop-Theorie bis heute noch immer eine der einflussreichsten Schulen.4 Ihre
Begrifflichkeiten und die damit transportierten Modelle haben sich weithin
durchgesetzt, auch wenn sie oftmals eher unterschwellig mitgedacht als
explizit gemacht werden. Der vorliegende Artikel fragt nach dem Nutzen
des traditionellen Subkultur-Modells für die Zeitgeschichte, will aber auch
einen Beitrag zur Historisierung dieser Denkschule leisten. Dafür wird
zunächst die steile Karriere des Begriffes durch fast ein Jahrhundert und
seine transatlantische Reise von der amerikanischen Ostküste in den britischen Norden nachvollzogen. Der Zenit seiner Begriffskarriere in den
1980er Jahren und sein Revival unter veränderten Vorzeichen in den Neunzigern werden diskutiert, bevor der Subkultur-Ansatz historisiert und in
einem Ausblick in eine pophistoriographische Perspektive gestellt wird.
2
Vgl. Lindner: Die Stunde, S. 7; Conrad/Kessel: Blickwechsel, S. 18f.
3
Vgl. Binas-Preisendörfer: Rau, süßlich, transparent, S. 9.
4
Vgl. Hecken: Theorien der Populärkultur, S. 127-135; ders.: Pop, S. 366-371.
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A MERIKANISCHE W URZELN
Obwohl der Subkultur-Begriff als ein Produkt der Cultural Studies Birminghamer Prägung gilt, ist er weit älter als das dort 1964 gegründete
Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS). 5 Die Ursprünge der
Subkultur-Theorie lagen auch nicht in Großbritannien, sondern in den USA.
Bereits während der 1930er Jahre entwickelte die Chicago School of Sociology kriminologische Ansätze, die sich u. a. mit Gangs und Jugendbanden
befassten und in Terminologien mündeten, die später als Fundament für
neue Begriffsbildungen dienen sollten. Im Fokus der Soziologen stand damals allerdings nicht die Kultur- oder Gesellschaftssoziologie, sondern die
Erforschung der Ursachen von urbaner Kriminalität, einem dringenden
Problem in amerikanischen Großstädten der Prohibitionszeit. Als Vorläufer
für spätere Subkultur-Theorien gilt der von Clifford R. Shaw entwickelte
area approach, der bereits 1929 in der einflussreichen Untersuchung Delinquency Areas formuliert wurde.6 Eine Forschergruppe um Shaw hatte darin
die Daten von 60.000 männlichen Jugendlichen ausgewertet, die mit der
Schulbehörde, der Polizei oder den Gerichten in Konflikt geraten waren,
und die Korrelationen mit Wohngebieten untersucht. Die Stadt wurde so
gewissermaßen aus der Vogelperspektive in Zonen der Kriminalität aufgeteilt. Deren neuralgische Zentren lagen im Innern der Städte und waren von
konzentrischen Ringen abschwellender Kriminalität umgeben. Schon in
diesem frühen Konzept der Raumordnung abweichenden Verhaltens wurden Urbanisierung und Kriminalisierung in unmittelbare Nähe gerückt: Die
Topographie der Gewalt spiegelte Shaws Ansatz zufolge die neue kulturelle
und soziale Situation der Stadt wieder.
Der Immigration kam dabei eine entscheidende Rolle zu. Laut Shaw
und seinen Kollegen stieg die Kriminalität dort an, wo verschiedene Kulturen aufeinanderprallten, und sank umgekehrt proportional zum Grad der
»Akkulturation«. Differenzen, etwa zwischen Nord- und Süditalienern,
lebten in den Strukturen der Armenviertel fort und wurden in teils gewaltsamen Auseinandersetzungen ausgetragen. Die Argumentation der so genannten »Chicago Boys«, deren kriminologischer Ansatz auch als hard
5
Zur Entstehung des Centres vgl. Sparks: The Evolution of Cultural Studies.
6
Shaw/McKay: Juvenile Delinquency, S. 5.
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boiled sociology bekannt wurde, bildete die Grundlage für ähnliche Studien
in den 1950er Jahren.7 Kriminalität wurde nun nicht mehr ausschließlich
sozial, sondern auch ethnisch und urban erklärt und somit stärker als kulturelles Phänomen betrachtet.
Von diesen Prämissen ausgehend hatte der Soziologe Milton M.
Gordon bereits in den 1940er Jahren neue Identitätskonstruktionen untersucht, die sich aus sozialer Herkunft (Klasse), ethnischem Hintergrund
(Rasse), ländlicher oder städtischer Wohnlage (Urbanisierung) und regionaler Identität ergaben. Für die Mixtur dieser vier Elemente, die seiner
Meinung nach in der modernen Gesellschaft identitätsstiftend waren, verwendete er einen neuen Begriff: den der Subkultur. Gordon prägte den
Begriff in einem Zeitschriftenaufsatz und sah sich selbst als eigentlichen
Vater des Konzepts, das sich erst einige Jahrzehnte später über den Umweg
Großbritannien auch außerhalb der Wissenschaften verbreiten sollte.8
Gordon hatte einen auf die amerikanische Massengesellschaft anwendbaren Klassenbegriff formulieren wollen, der sich von der marxistischen
Theorie zwar inspirieren ließ, diese jedoch als eschatologisch, pauschalisierend und doktrinär kritisierte.9 In einem dem Soziologen Robert MacIver
gewidmeten Buch beschrieb Gordon seinen eigenen Subkulturbegriff als
ein sozial integratives Konzept, das die übergeordneten Identitäten unterlief: »forming in their combination a functioning unity which has an integrated impact on the participating individual.«10 Von MacIver hatte er die
Betonung des Sozialprestiges übernommen (das in anderer Lesart später bei
dem französischen Kultursoziologen Pierre Bourdieu zu neuer Geltung
kommen sollte) und sich bereits mit der Repräsentation von Klassenlagen
auf symbolischer Ebene befasst, etwa mit dem Gegensatz von white collar
und blue collar. Milton M. Gordon hatte seinen Subkultur-Begriff dabei
ursprünglich nicht am Beispiel mode-orientierter Jugendstile, sondern zur
Erklärung allgemeiner Gruppenbildungsprozesse in der amerikanischen
Gesamtgesellschaft entwickelt. Die Verbindung des Subkultur-Begriffs mit
den abweichenden Erscheinungsformen jugendlicher Gruppenbildung
stellte dann ein Buch her, das in den 1950er Jahren als Beitrag zur Debatte
7
Etwa die Untersuchungen von Solomon Kobrin.
8
Vgl. Gordon: The Concept of the Sub-Culture.
9
Vgl. ders.: Social Class, S. 7.
10 Ebd., S. 255.
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um die juvenile delinquency erschien und eine außerordentliche Wirkung
entfalten sollte.
J UGEND
ALS R ANDGRUPPE : D IE D EBATTE UM
JUVENILE DELINQUENCY IN DEN FÜNFZIGER J AHREN
Mitte der 1950er Jahre veröffentlichte Albert Cohen seine Studie Delinquent Boys, auf deren erster Seite gleich der neue Ausdruck »delinquent
subculture« vorgestellt wurde.11 Was eine Subkultur sei, erklärte Cohen so:
»Every society is internally differentiated into numerous sub-groups, each with ways
of thinking and doing that are in some respects peculiarly its own, that one can
acquire only by participating in this sub-groups and that one can scarcely help acquiring if he is a full-fledged participant. These cultures within cultures are ›subcultures‹.«12
Das Buch baute auf die Soziologie von Shaw und McKay auf, wendete sie
aber erstmals auf das abweichende Verhalten Jugendlicher an. Anstatt den
vermeintlich schädlichen Einfluss einer industriell produzierten Massenkultur auf Jugendliche zu beklagen, wie es in der damaligen Kulturkritik
durchaus üblich war13, betrachtete Cohen den Lebensstil der Jugendlichen
wertneutral als eine eigene Kultur. Er konstatierte zwar, dass die von den
Jugendlichen konsumierte moderne Massenkultur in Comics, Film und
Fernsehen kriminelles Verhalten romantisiere, wandte sich aber energisch
gegen die These, die Werke einer fiktionalen Populärkultur verursachten
kriminelles Verhalten, wie schon damals häufig argumentiert wurde. Für
die Entstehung von Kriminalität sah Cohen nicht das Fehlen einer sozialen
Ordnung als ausschlaggebend an, sondern konstatierte vielmehr eine fal-
11 Milton M. Gordon bemerkte später, Cohens auf seinem Begriff basierende
Studie sei zwar exzellent gewesen, doch solle man den Terminus Subkultur
nicht nur auf den Zeitabschnitt Jugend, sondern auf eine ganze Lebensspanne
anwenden. Vgl. ebd., S. 255, Anm. 17.
12 Cohen: Delinquent Boys, S. 12.
13 So etwa Horkheimer/Adorno im »Kulturindustrie«-Kapitel.
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sche Ordnung.14 Sozial sah auch Cohen die juvenile delinquency hauptsächlich in den Arbeitervierteln beheimatet, doch bezog er auch die Mittelschichten ein. Vor allem aber betonte er die kulturelle Komponente bei der
Gruppenbildung Jugendlicher, die nicht notwendigerweise kriminell sein
mussten. Diese Kulturen verortete er räumlich in den ethnisch gemischten
Armutsvierteln der Großstädte und begründete sie dynamisch im Prozess
der Urbanisierung. Seine Theorie bezog er auf männliche Jugendliche, da
Studien wie die von Shaw erbracht hatten, dass Mädchen keine Gangs
formten – eine Aussage, die von der jüngeren Gangforschung widerlegt
wurde wie von späteren, von der Geschlechtertheorie beeinflussten Subkultur-Studien.15 Wenn er auch breiteren Kontexten entstammte, so diente
der frühe Subkultur-Begriff amerikanischer Prägung doch in erster Linie
der Erklärung von Kriminalität. Seine offenere Anlage ließ aber auch ein
neues Verständnis für die Entstehung spezifischer urbaner Kulturen zu und
trug damit nicht nur den sozioökonomischen, sondern auch den räumlichen
und ethnischen Dimensionen Rechnung.
N EUE B EGRIFFE : V ON
DER
S UB -
ZUR
G EGENKULTUR
Während der Subkultur-Ansatz in der amerikanischen Theorie weit weniger
Interesse erregte als in Europa und erst durch die Adaption der Birminghamer Schule reimportiert wurde, war ein anderes Konzept weitaus erfolgreicher. Als der Soziologe J. Milton Yinger 1960 für die American Sociological Review eine Übersicht der Subkulturliteratur seit Cohens Buch verfasste, unterschied er verschiedene Traditionen, wobei sein Hauptinteresse
einer Richtung galt, die er unter dem Begriff contraculture zusammenfasste. 16 Gegenkultur entsteht Yinger zufolge zumeist aus nicht erfolgreichen Konflikten mit der Mehrheitskultur.17 Dieses Konzept, das vor allem
in den 1960er Jahren Karriere machte, stammte ebenfalls bereits aus den
14 Hierbei berief er sich auf die klassische Gang-Studie, die im Chicago der 1930er
Jahre Bandenbildung in Slum-Gebieten untersucht hatte: Trasher: The Gang.
15 Vgl. etwa Zahn: Delinquent Girl; McRobbie/Garber: Girls and Subcultures.
16 Yinger: Contra Culture and Subculture, S. 625-631.
17 Vgl. hierzu auch: Gilbert: Cycle of Outrage, S. 136.
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Fünfzigern. Der Kulturanthropologe Walter B. Miller hatte es in seinen
Arbeiten zur juvenile delinquency aufgenommen und in verschiedenen
Aufsätzen weiterentwickelt.18
Miller sah im Subkultur-Begriff in erster Linie ein lebensweltliches
Konzept von Kultur angelegt, das die Entwicklung eines eigenen
Wertehorizontes ermöglichte, der sich in Widerspruch, ja sogar in direkter
Opposition zur dominierenden Mittelschichtenkultur befand. Für Miller
waren die Werte und Verhaltensnormen der Mittelschichten jedoch mit
denen der Unterschicht teils kongruent. Juvenile delinquency sei daher ein
Weg, aus diesem Wertehorizont auszubrechen, schrieb Miller, der sich
damit von Cohens Mittelklasse-Attitüde distanzieren wollte. In einem 1959
publizierten Artikel entfernte sich Miller noch weiter von Cohen. Er
definierte urbane Unterschichtenkultur als »a set of practices, focal
concerns and ways of behaving that are meaningfully and systematically
related to one another«. 19 Dabei betonte er besonders den Aspekt der
vaterlosen Familie.
Bereits in der einflussreichen Theory of Delinquent Gangs formulierten
die Soziologen Cloward und Ohlin unter Berufung auf Miller das Konzept
der toughness als sozial konstitutiven Faktor innerhalb des abweichenden
Wertesystems von Straßengangs.20 Miller war in seiner Definition bereits
auf popkulturelle Formate und Inhalte wie die pulp novel oder das GenreKino eingegangen:
»The concept of ›toughness‹ in lower-class culture represents a compound combination of qualities or states. Among its most important components are physical prowess, evidenced both by demonstrated possession of strength and endurance and
athletic skill; ›masculinity‹, symbolized by a complex of acts and avoidance (bodily
tattooing, absence of sentimentality; non-concern with ›art‹ literature; conceptualization of women as conquest objects, etc.); and bravery in the face of physical
18 Gesammelt auf der Website der Arizona State University, URL: http://
gangresearch.asu.edu/walter_miller_library/miller-collected-papers.
19 Miller: Implications of Urban Lower-Class Culture, S. 223.
20 Deren Perspektive diente etwa der New Yorker Initiative Mobilization for Youth
(MfY) in den 1960er Jahren als Leitbild für die streetwork. Vgl. Typoskript
»Facts about MfY«, o. J., Collection of Correspondence and Manuscript Documents, Butler Library, Columbia University, New York City.
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threat. The model for the ›tough guy‹ – hard, fearless, undemonstrative, skilled in
physical combat – is represented by the movie gangster of the thirties, the ›private
eye‹, and the movie cowboy.«21
Von dieser Theorie, die der Kausalverknüpfung von »Unterschichten-Kultur« und Kriminalität Vorschub leistete, grenzten sich Cloward-Ohlin in
weiten Teilen ab. Sie nutzten jedoch – lange vor den britischen Cultural
Studies – ebenfalls den Begriff der Subkultur und unterschieden explizit
delinquente von nicht-delinquenten Subkulturen. Entscheidend war der
abweichende Wertehorizont innerhalb eines nicht nur klassenbedingten,
sondern auch generationell differierenden Wandels der Lebensstile und
ethisch-moralischen Orientierungen. Inklusion und Exklusion äußerten sich
schon auf der semantischen Ebene bestimmter Jugendszenen, in denen Mitglieder als »cats« oder »chicks« markiert, Außenstehende hingegen als
»squares« verächtlich gemacht wurden. Die Zugehörigkeit zur Kultur der
Straße wurde jedoch auch durch nichtsprachliche Zeichen konstituiert. Wo
abweichendes Verhalten im Sinne eines jugendkulturellen Stils aufhörte
und Kriminalität begann, wurde in der weitschweifenden Debatte, die sich
zunehmend auf neue Verhaltensweisen oder durch Kleidung ausgedrückte
Abweichungen konzentrierte, nicht immer deutlich. Die Grundlagen für
eine breitere (wenn man so will: pop-kulturelle) Verwendung eines ursprünglich kriminologischen Hilfsbegriffes waren damit aber gelegt.
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Auch in Großbritannien bedienten sich Forscher lange vor den Arbeiten des
CCCS des amerikanischen Subkulturbegriffes. Im Unterschied zur späteren
Schulbildung des Centres waren diese frühen Arbeiten methodisch jedoch
vergleichsweise heterogen. Um sie wissenschaftsgeschichtlich zusammenzufassen, darunter besonders die Bücher von Fyvel, Willmott und Hargreaves22, wurde die Bezeichnung Pre-Subcultural Studies vorgeschlagen,
21 Miller/Kvaraceus: Delinquent Behavior, S. 74-75. Zit. n.: Cloward/Ohlin: Delinquency and Opportunity, S. 66. Vgl. auch: Miller: Lower Class Culture, S. 8.
22 Fyvel: Offenders; Wilmott: Adolescent Boys; Hargreaves: Social Relations.
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die auch für die US-amerikanischen Vorläufer sinnvoll erscheint. 23 Bei
näherer Betrachtung dieser Untersuchungen fällt allerdings auf, dass sich
nur Tosco Raphael Fyvel eingehend mit Jugendkulturen im eigentlichen
Sinne, also unter dem Aspekt der Kultur beschäftigte, während die anderen
beiden Bücher eher mit sozialen Problemen von Jugendlichen befasst
waren. Fyvels Buch The Insecure Offenders. Rebellious Youth in the Welfare State war das einflussreichste; es erreichte binnen Kurzem mehrere
Auflagen und wurde auch ins Deutsche übersetzt.24
Darin thematisiert Fyvel zumindest am Rande bereits vieles von dem,
was die späteren Subcultural Studies explizit zum Gegenstand ihres Interesses machen sollten. Er beobachtet die Veränderung der Lebensbedingungen
im Nachkriegs-London, die Wirkungen des sozialen Wohnungsbaus auf die
Lebensräume der Jugendlichen, ja sogar die Internationalität jugendkultureller Sozialisationsprozesse. 25 Vor allem verwendete er bereits mehrfach
den Begriff Subkultur – auch wenn der Terminus bei ihm noch nicht den
zentralen Status eines Schlüsselbegriffs innerhalb eines hierarchisch gedachten Gesellschaftsmodells besitzt, mit dem er später in Birmingham
ausgestattet werden sollte.
Doch ebenso wie später Dick Hebdige entwickelte auch Fyvel seinen
Kulturbegriff am Beispiel jener neo-edwardianisch gekleideten Jugendlichen, die er in Ost- und Süd-London und in Brixton beobachtet hatte. Im
Unterschied zu den Banden der Vorkriegsjahre fiel ihm an diesen von den
Medien als »teddy boys« bespöttelten Arbeiterkindern ein neuer Stil auf,
der sich in mehreren Aspekten äußerte: einer bestimmten kollektiven Art
sich zu kleiden, einer gemeinsamen Sprechweise und einer neuartigen
sozialen Aneignung von populärer Musik.26 Im Unterschied zu den Cultural
Studies ging es Fyvel jedoch weniger um die Analyse dieser kulturellen
Aspekte im Sinne einer Lebensstilsoziologie. Vielmehr war er in erster
Linie um die Erklärung von Jugendgewalt bemüht, um ihre Bekämpfung
sowie um die Entwicklung neuer Maßnahmen zur Prävention.
23 Dies schlägt vor: Muggleton: From Classlessness to Clubculture, S. 206. Seine
Phasenbildung wird hier weitgehend übernommen.
24 Fyvel: Die ratlosen Rebellen.
25 Etwa der Beatniks, vgl. ebd., S. 17.
26 Vgl. Fyvel: ebd., S. 46.
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Diese Perspektive auf den Konflikt, mithin das Primat der Kriminologie,
teilt Fyvel mit den meisten in den USA und auf dem europäischen Festland
entstandenen sozialwissenschaftlichen Studien jener Jahre. Die einseitige
Beschäftigung mit jugendkulturellen Phänomenen unter dem Aspekt der
Straßengewalt war oftmals einer sensationslüsternen Medienberichterstattung geschuldet, zumal in Großbritannien, wo die Presse traditionell keine Abonnenten hatte, sondern am Kiosk mit dramatischen Schlagzeilen um den Leser warb. Hinzu kamen politische Instrumentalisierungen
durch gesellschaftliche pressure groups. Die öffentliche Debatte jener Jahre
ertönte als ein vielstimmiger, oftmals in der Tonlage alarmistischer Untergangsszenarien vorgetragener Chor.
B IRMINGHAMER S CHULE : D IE S UBCULTURAL S TUDIES
IN IHRER KLASSISCHEN P HASE
Das 1964 an der Universität Birmingham gegründete Centre for Contemporary Cultural Studies konzentrierte sich von Anfang an auf die Erforschung
populärer Kultur. Am CCCS war die Begriffsbildung von zentraler Bedeutung für die inhaltliche Neupositionierung der jungen Kulturwissenschaften
ebenso wie für die Beschäftigung mit dem Populären. Die Gründer des
Centres, Richard Hoggart und Raymond Williams, stammten selbst aus der
Arbeiterklasse und hatten mithilfe von Stipendien an englischen Eliteuniversitäten studiert. Ihnen ging es nach eigenem Bekunden auch in ihrer
wissenschaftlichen Arbeit um die Ausweitung des an den Wertvorstellungen der traditionellen Eliten gewachsenen Kulturbegriffes und damit um die
Aufwertung der so genannten ordinary culture.27 Wie schwierig es war, ein
solches Anliegen im stark von sozialer Ungleichheit, Privatisierung und
Elitenideologie geprägten britischen Bildungssystem durchzusetzen, zeigt
nicht nur die vergleichsweise schwache Bindung des aus der Erwachsenenbildung hervorgegangenen Zentrums an die Universität, sondern auch die
Kritik, der das Centre sich stetig ausgesetzt sah – nicht zuletzt aufgrund
seiner wissenschaftstheoretischen Positionierung. Methodisch war das
CCCS anfangs eher literaturwissenschaftlich orientiert, doch nachdem
Hoggarts enger Mitarbeiter Stuart Hall die Leitung übernommen hatte,
27 Vgl. Marchart: Cultural Studies, S. 23.
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vollzog das Centre eine Wende hin zur Soziologie.28 Hall, der bald zum
weltweit bekanntesten Vertreter der Cultural Studies avancierte, war auf der
Suche nach anschlussfähigen Methoden. Dabei schwebte ihm nicht weniger
als eine gänzlich neue Kulturtheorie vor.
Im Birminghamer General-Theory-Seminar wurde das kulturelle Feld
fortan nicht nur mit den Ansätzen Max Webers, Georg Simmels, der Frankfurter Schule oder Georg Lukács’ neu vermessen. Erhebliche theoretische
Anstrengungen galten dem ehrgeizigen Ziel, die marxistische Klassentheorie zu reformieren und auf zeitgerechte Weise umzuformulieren. Anleihen
machten Hall und seine Mitstreiter bei undogmatischen Marxisten wie
Louis Althusser, vor allem aber bei dem von Antonio Gramsci formulierten
Konzept der kulturellen Hegemonie, das vielen der am Centre entstandenen
Studien das theoretische Fundament lieferte. 29 Hall war es auch, der die
jungen Cultural Studies den Theorien der französischen Strukturalisten und
ihren Kritikern öffnete, darunter postmoderne Denker wie Julia Kristeva,
Jacques Derrida, Michel Foucault und Roland Barthes. Die Fokussierung
der französischen Denker auf gesellschaftliche Machtfragen, Theorien der
Repräsentation und der Zeichenhaftigkeit von Kultur schienen besonders
geeignet, das neue Forschungsfeld gegenwärtiger Jugendkulturen unter den
polit-ökonomischen Kriterien eines reformierten, an die Bedingungen der
Gegenwart angepassten Marxismus zu vermessen. Die Kombination von
reformierter Klassentheorie und französischem Poststrukturalismus prägte
auch den Umgang der Cultural Studies mit der Jugendkultur entscheidend.
Jugendkultur und abweichendes Verhalten rückten schon früh in ihren
Fokus. Bereits im Alter von 27 Jahren hatte Stuart Hall unter der Überschrift Politics of Adolescence am Beispiel jener von Fyvel erforschten
»teddy boys« das Unvermögen der marxistischen Linken kritisiert, die neue
Arbeiterjugend einzubinden – ein Anliegen, das er noch als Vordenker der
Cultural Studies verfolgen sollte, nun allerdings in theoretischem Sinne.30
Unter Halls Herausgeberschaft veröffentlichte eine Gruppe von Forschern
des Centres Mitte der siebziger Jahre den Sammelband Resistance Through
Rituals31, in dem die theoretischen Anleihen bei Gramsci und Althusser auf
28 Ebd., S. 90.
29 Vgl. Gramsci: An den Rändern der Geschichte.
30 Hall: Politics of Adolescence? (zit. nach: Marchart, S. 95).
31 Hall/Jefferson (Hg.): Resistance Through Rituals, S. 9.
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dem praktischen Feld der empirischen Jugendforschung erprobt wurden.
Die Beiträge bezogen sich vor allem auf einen Paragraphen aus Antonio
Gramscis skizzenhaftem Entwurf zu einer Geschichtsschreibung der »subalternen Gruppen«. Gramsci räumte darin selbst ein, die Geschichte gesellschaftlicher Randgruppen sei »notwendigerweise bruchstückhaft und episodisch«:
»Zweifellos gibt es in der geschichtlichen Aktivität dieser Gruppen eine Tendenz zur
Vereinigung, sei es auch nur auf provisorischen Ebenen, aber diese Tendenz wird
durch die Initiative der herrschenden Gruppen fortwährend gebrochen, und deshalb
kann sich erst bei Vollendung des geschichtlichen Zyklus zeigen, ob er erfolgreich
abgeschlossen wird. Die subalternen Gruppen erleiden immer die Initiative der
herrschenden Gruppen, auch wenn sie rebellieren und sich auflehnen: erst der »dauerhafte« Sieg bricht die Unterordnung, und auch nicht sofort. In Wirklichkeit sind
die subalternen Gruppen, auch wenn sie zu triumphieren scheinen, nur in Alarmbereitschaft (diese Wahrheit lässt sich anhand der Geschichte der französischen Revolution mindestens bis 1830 demonstrieren). Jede Spur autonomer Initiative seitens
der subalternen Gruppen sollte deshalb für den integralen Historiker von unschätzbarem Wert sein; daraus ergibt sich, dass eine solche Geschichte nur durch Monographien behandelt werden kann und dass jede Monographie eine sehr große Anhäufung von Materialien verlangt, die häufig schwer zusammenzutragen sind.«32
Dabei hatte Gramsci sich allerdings nicht etwa mit den Randgruppen in
Großstädten unter den Bedingungen einer kapitalistischer Gesellschaft
beschäftigt, sondern mit historischen Außenseitern, etwa römischen Sklaven, sizilianischen Briganten, Beneventer Banden und Mailänder Lazzarettisten. Die Begründer der Cultural Studies nahmen diese Gedanken bei der
Entwicklung einer politischen Theorie der Randgruppen als Anregung, da
sich die in einem Spannungsverhältnis zu den herrschenden gesellschaftlichen Eliten stehenden subalternen Gruppen leicht mit dem bereits aus der
amerikanischen Soziologie vertrauten Begriff der Subkultur verbinden
ließen. Überdies schien die in faschistischer Haft entstandene Theorie
Gramscis mit der Bemerkung über die »Alarmbereitschaft« auch eine Erklärung für die bislang ausgebliebene Revolution der britischen Arbeiterschaft zu bieten – ein zentrales gegenwartspolitisches Problem für marxis-
32 Gramsci: An den Rändern.
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tisch inspirierte Gesellschaftswissenschaftler, deren Interesse nicht nur auf
theoretischem Gebiet bestand. Stuart Hall bezog auch in der aktuellen gesellschaftlichen Debatte über Jugend und Kriminalität Stellung. Bestärkt in
seinem Interesse an den moral panics, den übertriebenen Reaktionen auf
den angeblichen Kulturverfall der Jugend, wurde Hall durch den so genannten Handsworth-Fall.
In Birmingham hatten am 5. November 1972 drei Jugendliche mit Migrationshintergrund in dem von afrikanischen und asiatischen Einwanderern
bewohnten Viertel Handsworth einen Arbeiter ausgeraubt und zusammengeschlagen, um ihm 30 Cent und ein Päckchen Zigaretten zu rauben. Der
als »the mugging« bekannt gewordene Fall wurde von den Medien aufgegriffen und über Wochen hinweg ausgeschlachtet. Als ein Gericht die jugendlichen Täter zu Haftstrafen von insgesamt 40 Jahren verurteilte, nahmen Hall und seine Mitarbeiter den Fall zum Anlass, sich mit den Mechanismen dessen zu befassen, was sie moral panics nannten 33 : ein gesellschaftliches Gefühl der Bedrohung, das sich in eine kollektive Panik hinein
steigern kann, ausgelöst durch eine Person, eine Gruppe, eine Veränderung
oder Episode – so wie der Handsworth-Fall, der sich bei näherer Untersuchung als keineswegs repräsentativ für eine statistisch signifikante Zunahme von Überfällen herausstellte, sondern im Gegenteil eine Ausnahme
war.34
Der programmatische Titel des Sammelbandes Resistance Through Rituals formulierte schließlich die politische Richtung der Subcultural Studies. In ihrer gemeinsamen Einleitung erklärte das aus John Clarke, Stuart
Hall, Tony Jefferson und Brian Roberts bestehende Herausgeber-Kollektiv
seine Absicht, es wolle mit den vorliegenden Aufsätzen den politisch neutralen Begriff der Jugendkultur demontieren und an seiner Stelle den Begriff
der Jugend-Subkulturen einführen. Diese würden konstituiert durch »their
relation to class cultures, and to the way cultural hegemony is maintained,
structurally and historically.« 35 Der Band versammelte Aufsätze der
Mitglieder der Subkultur-Gruppe des Centres, die drei Jahre zuvor gegründet worden war. Den theoretischen Teil eröffnete – unter Berufung auf
33 Auf das Thema bezogen hatte das Modell aus der Katastrophenpsychologie
zuerst Cohen: Folk Devils.
34 Vgl. Hall: Song of Handworth Praise, S. 75; Ders./u.a.: Resistance, S. 10.
35 Ebd., S. 9.
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Marx, Gramsci und den britischen Historiker E. P. Thompson – eine klassenbasierte Definition von Kultur.36
Kultur, als »the distinctive shapes in which this material and social
organisation of life expresses itself«, sei machtspezifischen Eigentumsverhältnissen unterworfen. Ebenso wie die Produktion materieller Werte den
Mechanismen von Eigentum, Macht und Herrschaft unterliege, repräsentiere auch die Produktion immaterieller Werte die Machtverhältnisse innerhalb einer Gesellschaft. Da die verschiedenen Gruppen der Gesellschaft
aber nach Hegemonie (im Sinne Gramscis) strebten, so konkurrierten auch
deren kulturelle Ausdrucksformen um die Teilhabe an gesellschaftlicher
Macht: »Dominant and subordinate classes will each have distinct cultures.« 37 Dabei ging das CCCS von einem so genannten Zwei-KulturenModell aus, das aus einer herrschenden (bürgerlichen) und einer unterdrückten (proletarischen) Kultur besteht. Innerhalb der Kulturen können
sich Unterkulturen herausbilden, denen bestimmte funktionale Leistungen
zugeschrieben werden. Am CCCS begann man denn auch unverzüglich
damit, sich den subalternen Gruppen der Gegenwart in Form von Einzelstudien zu widmen – ganz wie Gramsci es in seinen Gefängnisheften gefordert hatte.
Die theoretisch wohl einflussreichste Schrift erschien im Jahr 1979.
Dick Hebdiges Untersuchung mehrerer britischer Jugendstile Subculture.
The Meaning of Style38 führt das Wort Subkultur programmatisch im Titel
und ist in ihrem Einfluss kaum zu unterschätzen. Hebdige gehörte zwar
selbst der Subkultur-Gruppe des CCCS nicht an, doch bezog er sich explizit
auf deren Arbeit, insbesondere auf Resistance Through Rituals. Hebdiges
Buch wurde in mehrere Sprachen übersetzt, beeinflusste den aufkeimenden
Pop-Journalismus der achtziger Jahre und trug wesentlich zur Verbreitung
des soziologischen Begriffs der Subkultur bei. 39
36 Kultur wird dabei definiert als »the distinctive ›way of life‹ of the group or
class, the meanings, values and ideas embodied in institutions, in social relations, in systems of beliefs, in mores and customs, in the uses of objects and
material life.« Ebd., S. 12.
37 Ebd., S. 12.
38 Hebdige: Subculture.
39 In Deutschland erschien es 1983 in dem von Diedrich Diederichsen u.a. herausgegebenen Band Schocker – Stile und Moden der Subkultur.
in: Alexa Geisthövel/Bodo Mrozek (Hg.): Popgeschichte. Bd 1: Konzepte und Methoden, Bielefeld: Transcript 2014.
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In der Soziologie selbst fand er international Niederschlag vor allem in der
Armuts-, Randgruppen- und Minoritätenforschung, ebenso in der Stadtund Kriminalitätsforschung. In Deutschland wurde sein Modell nur punktuell verwendet und theoretisch vergleichsweise wenig rezipiert oder weiterentwickelt, mit wenigen Ausnahmen. 40 Zwar entstanden in den siebziger
und achtziger Jahren eine Fülle von Arbeiten, die einzelne Subkulturen
vorstellten, diese meist jedoch nicht theoretisch hinterfragten – was aus
soziologischer Sicht kritisiert wurde. 41 Zudem verlor der Begriff zunehmend an Kontur, weil er seit Beginn der achtziger Jahre zunehmend synonym zu den konkurrierenden und teils erfolgreicheren Begriffen Milieu,
Alternativkultur oder Lebensstil verwendet wurde.
N EUBELEBUNG IN DEN N EUNZIGERN :
D IE P OST -S UBCULTURAL S TUDIES
Der klassische Ansatz der (Sub-)Cultural Studies, der im Wesentlichen ein
weiterentwickeltes Klassenmodell verfolgte und das Phänomen kulturell
homogener, zumeist urbaner Gruppenbildung insbesondere Jugendlicher als
politisch »widerständig« legitimierte, geriet im Verlaufe der neunziger
Jahre gänzlich in die Krise. Einerseits war der von Marxisten erhoffte politische Widerstand in der sozialen Realität der Gegenwart weitgehend ausgeblieben und gerade die aus Jugendsubkulturen hervorgegangenen neuen
kulturellen Ausdrucksformen wie der afroamerikanische HipHop tendierten
weniger zu den noch in den siebziger Jahren stark ausgeprägten Emanzipationsbewegungen, sondern zeigten im Gegenteil eine ausgesprochene Neigung zu einer Semiotik des Turbokapitalismus, wie die Musikvideos vieler
Rapper anschaulich vorführten.42
Andererseits verloren die Jugendszenen innerhalb einer in diverse Milieus fragmentierten westlichen Erlebnisgesellschaft (Gerhard Schulze) zu-
40 Vgl. vor allem Schwendter: Theorie der Subkultur.
41 Vgl. Vaskovics: Subkulturen – überholtes analytisches Konzept?, S. 593-594.
42 Als »widerständig« im intendierten Sinne ließen sich Hausbesetzer-Szene oder
Ereignisse wie die aus der Punk-Bewegung hervorgegangenen Chaos-Tage interpretieren, die jedoch rituell und vereinzelt waren.
in: Alexa Geisthövel/Bodo Mrozek (Hg.): Popgeschichte. Bd 1: Konzepte und Methoden, Bielefeld: Transcript 2014.
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nehmend an Signifikanz.43 Die an Popmusik orientierten Fraktionen lösten
sich in der integrativen Clubkultur mit ihren hedonistischen Massenveranstaltungen und Techniken von Remix und Sample zunehmend auf und fanden sich allenfalls als Zitate ihrer selbst in neuen, oftmals ironisch gebrochenen Kontexten wieder. Mit abnehmenden moral panics bei steigender
gesellschaftlicher Toleranz und sich überlappender Lebensstile und veränderten Selbstbildern büßten sie zudem ihre politisch-gesellschaftliche Relevanz ein. Wie aber geht man mit Subkulturen um, deren subversive
Zeichensetzungen – in der Sprache der Cultural Studies – selbst zum hegemonialen Lebensstil geworden sind, erfunden von einer subkulturell inspirierten kapitalistischen Bekleidungsindustrie, die sich von Soziologen und
Trend-Scouts beraten lässt?44
Während einige Vertreter der Cultural Studies ihre eigenen Ansätze aus
den siebziger Jahren revidierten, versuchten jüngere Forscherinnen im Zuge
der Cultural Turns der neunziger Jahre eine Neubelebung des Subkulturansatzes. Impulse gingen von der Institutionalisierung popkultureller Forschung im Manchester Institute for Popular Culture (MIPC) aus, das sich
intensiv mit der neuen Situation der so genannten Club Culture befasste.45
Darin ging es vor allem um das Schwinden von Bedeutungen innerhalb der
Clubkulturen und die Auflösung des Individuums in gemeinschaftsorientierten Erlebnispraktiken wie dem Rave. Entgegen dem Trend der »postmodernen« Auflösung von Bedeutungen wurde gerade die Clubkultur als
Ort von Körperdiskursen und neuen kulturellen Praktiken untersucht. Entscheidende Anregungen kamen von der Ethnologie, die Jugendkulturen in
Großstädten als »urban tribes« verstand. Andy Bennet analysierte die
43 Schulze beschrieb die Erlebnisgesellschaft des späten 20. Jahrhunderts als ein
Nebeneinander verschiedener, sich überlappender Erlebnis-Milieus.
44 Modemarken wie Fred Perry stricken mittlerweile ihren eigenen Mythos mit
semi-dokumentarischen Internet-Videos, in denen Subkultur-Experten und Veteranen unterschiedlicher Szenen zu Wort kommen, dabei aber dem übergeordneten Ziel dienen, zum Wohle der Marke symbolisches in ökonomisches Kapital
umzuwandeln. Vgl. The Don Letts Subculture Films. http://vimeo.com/
52431977 (Abruf 29.5.2014).
45 Hier besonders die Arbeiten von Redhead: The End-of-the-Century-Party; ders.
(Hg.): Rave Off; ders: From Subcultures to Clubcultures; ders. u.a. (Hg.): The
Clubcultures Reader.
in: Alexa Geisthövel/Bodo Mrozek (Hg.): Popgeschichte. Bd 1: Konzepte und Methoden, Bielefeld: Transcript 2014.
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innerhalb der Clubkultur vorhandenen Konzeptionen individueller und
kollektiver auf Musik basierender Identitäten als »neo-tribes«. 46 Sarah
Thornton interpretierte mit Hilfe der Kultursoziologie Pierre Bourdieus die
Popkultur als System von »distinction« und sprach von »subkulturellem
Kapital«.47 Andere Forscher sahen gar »new ethnicities« aus den kulturellen
Techniken der Club-Kultur hervorgehen, die nicht nur die bisherigen Subkulturen, sondern auch gängige Auffassungen etwa von Blackness oder
Britishness in Frage stellten und zu temporären Zusammensetzungen führten, dem diasporic code-switching.48 David Muggleton, der die Subkulturen
mit Hilfe der Soziologie Max Webers untersucht hatte, schlug für diese und
andere nicht mehr dem klassischen Birminghamer Schema zuzuordnenden
Ansätze schließlich den Sammelbegriff Post-Subcultural Studies vor. 49
Diese theoretisch wenig einheitlichen Ansätze eint ein gemeinsames Interesse an Pop- oder Club-Kultur, daher sind sie weniger als Schulenbildung
und mehr als Forschungsperspektive zu verstehen, denn, so paraphrasierte
ein einschlägiger Band Stuart Hall, »the era seems long gone of workingclass youth subcultures ›heroically‹ resisting subordination through ›semiotic guerrilla warfare‹«.50
A USBLICK : Z EITHISTORISCHE P ERSPEKTIVEN
Während die These der Cultural Studies, es habe sich bei den durch einen
von der Mehrheitskultur abweichenden Stil zusammengehaltenen Jugendkulturen – verkürzt gesagt – um eine Art politische Opposition gehandelt,
für demokratische Gesellschaften wie Großbritannien durchaus umstritten
war, so ließ sie sich auf dem Feld der deutschen Diktaturen zweifelsfrei
belegen.51 Die an Musik und Mode orientierten »Zazous« und »Swings« im
46 Vgl. hierzu seine auf Michael Maffesolis Tribe-Begriff basierende Arbeit:
Popular Music.
47 Vgl. Thornton: Club Cultures.
48 Vgl. Back: New Ethnicities.
49 Muggleton: »From Classlessness to Clubculture«. Der Terminus wurde bereits
1987 verwendet in: Chambers: Maps for the Metropolis.
50 Muggleton/Weinzierl: What is ›Post-subcultural Studies‹ Anyway?, S. 4.
51 Vgl. Maase: BRAVO Amerika; ders.: Die Schönheiten des Populären.
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Paris und im Hamburg der 1940er Jahre wurden von der Gestapo verfolgt
und mit KZ bedroht und in der Jugendsubkultur so genannter »wilder Cliquen« bzw. »Edelweißpiraten« erwuchs in vielen Fällen aus dem abweichenden Stil eine politische Opposition gegen den Nationalsozialismus bis
hin zu gewaltsamem Widerstand.52 Auch in den staatssozialistischen Diktaturen wurde anhand zahlreicher Fälle belegt, wie Akteure aus Jugendkulturen für ihre kulturelle Freiheit Gefängnis in Kauf nahmen und in Einzelfällen sogar mit dem Leben bezahlten.53
Außerhalb der historischen Jugendforschung hat das Subkultur-Konzept
in der deutschen Zeitgeschichte dennoch vergleichsweise wenig Anklang
gefunden54, auch wenn von dem Terminus zunehmend selbstverständlich
Gebrauch gemacht wird, meist jedoch ohne den dazugehörigen theoretischen Überbau zu rezipieren.55 Anstatt sich auf Konzepte der Cultural Studies zu beziehen, hat sich die Zeitgeschichte eher an »Theorien mittlerer
Reichweite« orientiert, etwa dem Komplex der Amerikanisierung, der
Konsum- bzw. der Protestgeschichte, dem Generationenmodell oder der
Frage nach einem Wertewandel. Popkulturelle Artikulationen wurden dabei
allzu oft als bloße historische Vorstufe des Politischen verstanden, das
schließlich im manifesten Protest der Achtundsechziger zeithistorisch »relevant« wird, während zeichenhafte Differenzen und weniger artikulierte
Abweichungen der mittleren und unteren Schichten weniger Beachtung
fanden als etwa der Studentenprotest der Bildungsschicht (der viele Forscher selbst entstammen). Jüngere Arbeiten zu alternativen Lebensstilen
geben dem Begriff des »Milieus« den Vorzug, der weniger hierarchisch als
das auf Hegemonie gegründete Subkultur-Konzept ist und weniger an Konflikten orientiert als das dezidiert politische Modell der Counter Culture.56
Auch die Begriffe »Szene« und – in jüngster Zeit vermehrt – »Netzwerk«
konkurrieren mit den Subkulturmodellen, sind aber offener angelegt. Wie
die steile Begriffskarriere der imagined communities beispielhaft zeigt,
52 Vgl. etwa Lindner: Die Wilden Cliquen; Pohl: »Schräge Vögel«.
53 Vgl. etwa Klier: Michael Gartenschläger.
54 Bis auf wenige Ausnahmen, vgl. etwa Poiger: Jazz, Rock, and Rebels, S. 10;
Siegfried: Time is on my Side, S. 27, 365, 592, 737.
55 So etwa: Wolfrum: Geglückte Demokratie, S. 164; Wehler: Bundesrepublik,
S. 160; S. 167; S. 203.
56 Vgl. etwa: Reichardt: Authentizität und Gemeinschaft, S. 38f.
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besteht aber noch immer Bedarf an Modellen für Prozesse kultureller
Gruppenbildung, die ein Kernproblem von Gesellschaftsgeschichte bleiben.
Die Geschichtsschreibung entdeckt daher zunehmend die Mitglieder
distinkter Minderheiten als handelnde Akteure ihrer historischen Tableaus,
etwa Hip-Hopper in der DDR oder afrokaribische Körperdiskurse in
postkolonialen Gesellschaften. 57 Auch die für die noch zu schreibende
Geschichte der Computerisierung unverzichtbare Analyse der subversiven
Ethik der Hacker-Kultur kann von Modellen der Sub- bzw. Gegenkultur
profitieren. 58 Eine von der Semiotik inspirierte Lesart nicht-sprachlicher
Zeichen könnte auch zur oft proklamierten (und selten eingelösten) Überwindung der Fokussierung auf Schriftquellen beitragen, indem sie den
Blick etwa auf vestimentäre Zeichen lenkt, ebenso wie sich historische
Sound Studies und die Visual History bereits erfolgreich um die Interpretation audio-visueller Informationen bemühen.59
Wenn solche Perspektivierungen geeignet sind, insbesondere marginalisierte Gruppen als Akteure historischer Prozesse zu identifizieren und ihnen
(ähnlich wie die Alltags-, die Sozial- oder die Geschlechtergeschichte)
mehr Handlungsmacht einzuräumen, so reicht dies freilich nicht aus. Neben
dieser eher konsumentenzentrierten Perspektive muss auch der Brückenschlag zur Ebene der Produktion von Kultur geleistet werden, etwa zur
Musik- oder Modeindustrie. Um die alten Antagonismen zwischen einer
vorwiegend auf die Produktion und einer auf den Konsum konzentrierten
Forschung zu überwinden60 – und damit das alte Schisma der Popkulturforschung –, müssen die Übergänge zwischen diesen vermeintlich getrennten
Sphären analysiert werden: auf Konsumentenseite etwa in der Figur des
»Prosumenten«, der einen kreativen Konsum pflegt und sich – im Sinne
Michel de Certeaus – durch einen »listenreichen Umgang mit den Produkten« auszeichnet, etwa in der Praxis des Re-Mixens, bei der aus kulturhistorischen Artefakten neue Produkte erschaffen werden.61 Aber auch auf Seite
der Produktion spielen aus der Subkultur rekrutierte Akteure eine immer
57 Vgl. Schmieding: »Das ist unsere Party«; Kusser: Körper in Schieflage.
58 Vgl. Danyel: Zeitgeschichte der Informationsgesellschaft.
59 Vgl. Morat: Sound Studies; Paul: Visual History.
60 Zur produktionsorientierten Perspektive vgl. den Beitrag von Klaus Nathaus im
vorliegenden Band.
61 De Certeau: Kunst des Handelns.
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größere Rolle. Mit dem (sub)kulturellen Kapital distinkter Kennerschaft
ausgestattete Agenten vermittelten zwischen beiden Sphären und brachten
neue Berufe hervor: Diskjockeys, Trend-Scouts, Popkritiker, Konzertveranstalter und Band-Manager prägten zunehmend das kulturelle Feld in der
zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Aus historischer Perspektive muss man trotz solcher Chancen die tendenziell ahistorischen kulturwissenschaftlichen Theoriebildungen in ihrer
Entstehungszeit verstehen. Die mit vergleichsweise wenig Abstand zu den
Ideologien des Zeitalters der Extreme entstandenen Großtheorien erscheinen immer mehr als zeitgebundene Phänomene, die ihrerseits nach Historisierung verlangen. So zutreffend manche Annahmen zu Beginn des letzten
Drittels des 20. Jahrhunderts noch gewesen sein mögen, so sehr zeigt die
weitere historische Entwicklung, dass sie sich nicht a priori zur überzeitlichen Generalisierung eignen. Anglo-amerikanische Popmusik etwa mag
um 1965 noch weitgehend ein Jugendphänomen gewesen sein (und schon
weit weniger eines von Klasse als noch wenige Jahre zuvor), doch stellen in
den auch demographisch veränderten westlichen Gesellschaften zu Beginn
des 21. Jahrhundert längst nicht mehr Jugendliche, sondern Über-Vierzigjährige die Mehrheit der Popmusikkäufer. Auch muss in einer Zeit, in der
die Sozialisation mit anglo-amerikanischen musikalischen und textilen
Moden mittlerweile alle lebenden Generationen erfasst hat, die Frage nach
dem abweichenden – in der Terminologie der Cultural Studies: widerständigen – Potenzial popkultureller Sozialisation anders gestellt werden.
Wenn etwa die Beobachtung mancher Soziologen zutrifft, dass sich die
Gesellschaft auf Ebene der Lebensstile weniger hierarchisch als vorangegangene darstellt und die Individualisierung bei gleichzeitiger Toleranz
gegenüber Abweichlern gestiegen ist62, dann taugen popkulturelle Zeichen
nur noch bedingt als Äußerungen von Protest. In einer Moden gegenüber
weitgehend toleranten Gesellschaft, die Jeans und unkonventionelle Frisuren für geschäftstauglich erachtet und auch mit dissonanten Klängen kein
grundsätzliches Problem mehr hat, sind womöglich Kulturen der Intoleranz
die eigentlichen Subkulturen. Diese These scheinen etwa die bewussten
Subkultur-Anleihen von Neo-Nazis seit den achtziger Jahren zu belegen,
die mit camouflierter Markensymbolik politisch codierten Widerstand ge-
62 Etwa die weniger hierarchische Modellbildung in Schulze: Erlebnisgesellschaft.
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gen hegemoniale Toleranz-Einstellungen ausdrücken.63 Um solche grundsätzlichen Verschiebungen in den Blick zu nehmen, muss eine zeithistorisch informierte Popforschung statische Dichotomien überwinden – und
vermeintliche politische Gewissheiten hinter sich lassen. Nicht nur künstlerische Avantgarden, sondern auch Massenphänomene wie Schlager oder
Volksmusik verdienen die Aufmerksamkeit einer breit aufgestellten historischen Popforschung, die unter dem Paradigma des »Sub« allzu oft auf
spektakuläre Konflikt- und Kleinstkulturen verengt war und damit nur wenig repräsentativ für ein Gesamtbild von Pop.
Will die Geschichtsschreibung Pauschalisierungen vermeiden, so muss
sie jedoch auch solche Akteure in den Blick nehmen, die sich jenseits des
Mainstreams bewegten oder sogar den Trends der jeweiligen Epoche zuwider liefen. Dafür wird es weiterhin Modelle für abweichende Gruppenbildungen brauchen. 64 Ansätze zu einer Geschichtsschreibung »subalterner«
Gruppen werden daher auch künftig eine Rolle in der Pop- wie in der Zeitgeschichte spielen: Geschmacksavantgarden müssen ebenso berücksichtigt
werden wie unterdrückte Minderheiten, die als Gradmesser der Toleranz
von Gesellschaften dienen. 65 Um diese Modelle den veränderten historischen Kontexten anpassen und sie bestenfalls weiterentwickeln zu können,
ist es hilfreich, ihre eigene Theoriegeschichte zu kennen.
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63 Etwa mit der 2002 gegründeten Modemarke Thor Steinar. Bereits Mitte der
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Jugendkultur, wie wir sie kennen« ausgerufen. Vgl. Editorial, in: Die Beute 4/94
(Themenheft Subkultur), S. 2; sowie Diederichsen: The Kids are not alright.
64 Vgl. Hierzu auch: Mrozek: Popgeschichte; ders.: Panic on the Streets.
65 Dies betrifft auch den Umgang mit sexuellen Abweichlern, etwa queeren Subkulturen in homophoben Gesellschaften, aber auch Subkulturen des Missbrauchs.
in: Alexa Geisthövel/Bodo Mrozek (Hg.): Popgeschichte. Bd 1: Konzepte und Methoden, Bielefeld: Transcript 2014.
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